Arbeitsvorhaben 2020

OK und MS: Signatur und Krankheit
2012 erkrankte ich, als Malerin, die auf ihre Hände, ihren Blick, und die Kontrolle über beide angewiesen ist, an Multiple Sklerose — kurz, MS. Im Vorschein des künstlerischen Arbeitens auf der Leinwand, erscheint jeder Strich unter den Horizont der Zufälligkeit gestellt, während, einmal ausgeführt, er die Form der Unbedingtheit — der Notwendigkeit — annimmt. Ähnlich die MS: Im Zustand der Vorerwartung eines „Schubs“ scheint alles möglich (bishin zur Unmöglichkeit des Ausbruchs), einmal aktiv, ist seine Wirkung definitiv: Meine Hände versagen, mein Blick wird dezentriert, eine Stelle taub, der Gang schwankend. Das englische Wort für „Strich“ verbindet diese beiden Situationen zu einem performativen, sprachlichen Zeichen: „Stroke“, das ist ein Strich auf der Leinwand, oder aber auch ein „Schlag“ gegen das Nervensystem der Künstlerin…

Ein anderes sprachliches Zeichen, meine Signatur, kurz „OK“, ist von diesen MS-Strokes direkt betroffen. Was bedeutet Originalität und Autorschaft, wenn nach einem Schub die zeichnerische Geste nicht mehr ausführbar ist? Wenn sie, im Bezug auf die Signatur noch wichtiger, nicht mehr genau so ausführbar ist? Eine jede Signatur lebt von seiner Iterierbarkeit. Gleichzeitig ist es die (minimale) Differenz, die sich in diese Wiederholbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes „einschreibt“ (vollständige Identität zweier Unterschriftsproben ist das klarste Zeichen einer Kopie und Fälschung). Eine Vielzahl von immer-schon relevanten Problemen in der Kunst (Was ist Serialität, Originalität, Autorenschaft, etc.?) stellt sich für die erkrankte Malerin hier noch einmal radikaler. Diese Problemstellungen malerisch anzugehen ist letztlich auch ein Versuch der Wiederannäherung an mein eigenes Werk; eine Beforschung des früheren „OK-Ichs“ wie es sich in seinem vergangen Sprachzeichen mir entgegenstemmt.