Abstrakta des Persönlichen

Dem Problem der Zeit begegnet man in der Malerei als ein Problem des Bildverhältnisses. Ich trage Farbflächen auf, rücke sie einander nahe, überbrücke sie im wahrsten Sinne des Wortes mit einer (beinahe) körperlichen Geste des Figurativen – es tritt etwa ein Fuß auf, eine Linie schnürt Elemente auf – und stelle dadurch zusammen, was einen eigentlichen Vergangenheitscharakter besitzt. Das was Henri Bergson, als die grundsätzlich bildhafte Verfasstheit des Gedächtnisses, “Erinnerungsgedächtnis” (1) nannte, wird in der Anordnung im Bildraum radikal in das Zweidimensionale gedrängt. Das Kraftund Spannungsfeld, das sich über und zwischen den Farbblöcken meiner jüngsten Arbeiten aufbaut, ist also nicht nur geprägt von Problemen der Positionierung und Bildbefüllung. Vielmehr steht hier nebeneinander, was eigentlich nacheinander zur Aufführung kommt.

Diese Bilderinnerungen übersetzen sich in ein abstraktes Quadermeer, sich scheinbar nur anerkennend im Bedürfnis nach der eigenen Strahlkraft in der Komposition. Ihr Verhältnis ist jedoch ein anderes, sie sind nicht bloß abstrakt schön (als Grundform oder pattern), umgekehrt auch nicht Übersetzungen eines wie auch immer gearteten “Urspünglichen”, und letztlich auch keine unternehmerischen Abstraktionen (sie stehen nicht zusammenund gegeneinander wie die Türme eines städtischen Finanzzentrums). Sie sind vielmehr Schatten und Vergegenwärtigungen einer künstlerisch-persönlichen Zeitwahrnehmung. Darin sind sie fragmentarisch, manchmal trümmerhaft, zueinanderliegend; sie sind Abstrakta des Persönlichen in der Malerei.

Was sie auch sind: unheimlich. Ihre Anordnung ist vom Grundwort “Ordnung” weit entfernt, vielleicht wäre Aufführung das bessere Wort. Ihr gemeinsames Auftreten durchsticht eine jede Reihung von Vorgängigkeit und Gegenwart. Wie in einem Benjamin’schen “Chockmoment”, in dem nicht bloß ein einzelnes Vergangenes “aufblitzt”, sondern gleich ein ganzes Erinnerungs(Bilder)buch, versuche ich performative Malerei zu kreieren, die sich permanent selbst zur Aufführung bringt. Der Prozess der Entstehung ist dabei schwer zu beschreiben, vielleicht am ehesten von seinem Ende her. Die Finalität (als weiteres virulentes Zeitproblem in der Malerei) eines Bildes, stellt sich für mich meist spontan ein. Dieses “Klicken” beinhaltet dabei alles das, was ich oben mit “unheimlich” meinte: So bedeutsam es eine Erinnerungskette abzuschließen scheint, so sehr kann es auch in die Vergangenheit verklingen, wenn sich eine weitere Bilderinnerung ihren Weg bahnt.

1) Henri Bergson: Materie und Gedächtnis, 1889