Olivia Kaiser

Nachbilder - ein Zyklus von Zeichnungen
Sergius Kodera

Olivia Kaiser entscheidet sich bewusst für kleine Format-e; schon ein flüchtiger Blick verrät, dass die hier materialisierten Bildwelten nicht unter Bezugnahme auf photographische Techniken entstanden sind. Tatsächlich ist der Künstlerin daran gelegen, wie sie sagt „die Farben so lange in Bewegung zu halten, bis sie ein bestimmte Form annehmen“; und in diesem Prozess „größtmögliche Offenheit“ zu erlauben. Dementsprechend frisch, und unabgegriffen sind Olivia Kaisers Arbeiten. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass viele Einzelblätter in dynamischer Beziehung zueinander stehen; Elemente finden sich gespiegelt und geschickt verzerrt, die Farbe wird mit starker Kontrastwirkung eingesetzt; komplexe Formen entfalten sich in hoher Dynamik. Der hier vorgestellte Zyklus von Arbeiten ist ein beredtes Zeugnis intensiver gestalterischer Auseinandersetzung, die mit einfachsten, und daher auch unmittelbarsten Medien geführt wird.
Ergebnis dieser langwierigen Schaffensprozesse sind nicht die allgegenwärtigen Schlagbilder, die unsere Wahrnehmungsschwelle leicht überschreiten, um dann sich rasch in wohlgefälliges Vergessen aufzulösen. Olivia Kaiser verzichtet bewusst auf effektvolle visuelle Inszenierungen, sie verlangt vom den BetrachterInnen eine ungewöhnlich ausdauernde Wahrnehmung ihrer Arbeiten, die sich in sperriger Manier nicht im ersten Anlauf erschließen. Diese Bildwerke verlangen uns ein Sehen unter erschwerten Bedingungen ab; eine verlangsamte Wahrnehmungsform, die die Produktionsbedingungen, unter denen diese Arbeiten entstehen reflektiert. Denn, was zunächst wie spontane Zeichnung wirkt, erweist sich als optisch komplexes Gebilde. Die Formen sind oft und oft überarbeitet, sie sind gebrochen, bewusst dekonstruiert; diese charakteristische Fragilität und Unentschlossenheit wird bei näherer Auseinandersetzung als Anreicherung, nicht als Schwächung wahrnehmbar. Der Künstlerin geht es nicht um die effektvolle, täuschende Nachbildung irgendeiner Realität, obwohl diese mimetische Fähigkeit eine nicht unbedeutende Rolle in ihrer Arbeit spielt. Tatsächlich hat sich Olivia Kaiser lange Zeit intensiv mit naturalistischen Darstellungsformen des menschlichen Körpers zeichnerisch auseinandergesetzt; es ist daher nicht erstaunlich, dass auch den hier gezeigten Arbeiten lineare Kompositionen als Ausgangsstruktur zugrunde liegen. Die Formen nehmen ihre Inspiration von fremden, manchmal alten, Bildwerken und -Programmen. Aus diesem optischen Material, das Olivia Kaiser bei der Arbeit nur flüchtig, durch kurzes Hinblicken oder in ihrer Erinnerung präsent hält, entstehen – in langwierigen Prozessen der Re-vision im wahrsten Wortsinn – die hier sichtbaren organischen Formen, in ihren verschiedenen, abwechslungsreichen Zuständen der Dynamik und des Zerrinnens, der Dekomposition. Diese Arbeiten sind also materielle Zeugnisse eines spezifischen Suchprozesse, einer bewundernswert trotzigen „ricerca“, die ihren Anfangs-und Endpunkt nicht so sehr im Werk, sondern in der wechselseitigen Rezeption, der Bewegung zwischen Betrachter und und Künstlerin auslöst. Schon in den 1930er Jahren diagnostizierte Ernst Cassirer diese Form der Vermittlung als Charakteristik kultureller Prozesse insgesamt, wenn er schreibt: „... am Ende diese Weges steht nicht das Werk, in dessen beharrender Existenz der schöpferische Prozess erstarrt, sondern das ‚Du‘, das andere Subjekt, das dieses Werk empfängt, um es in sein eigenes Leben einzubeziehen und es damit wieder in das Medium zurückzuverwandeln, dem es ursprünglich entstammt.“

Es sind sperrige Arbeiten, die sich dem schnellen Konsum, dem visuellen Effekt radikal verweigern. Dies gilt nicht nur für den Betrachter, sondern folgt der Eigengesetzlichkeit der Werke. Deses demiurgische Tun ein konkreter Ausdruck jener menschlichen Allmachtsphantasien, die lediglich im künstlerischen Schaffensprozess ihren legitimen Ausdruck finden; im Anschluss an W. J. T. Mitchells kürzlich provokant formulierter Frage „What do pictures want?“ ist die Versuchung groß, zu Antworten: „Diese Bilder wollen größere Formate haben, sie wollen mehr vom Raum“ – aber das verbietet ihnen die Künstlerin.

Sergius Kodera, 2010