Olivia Kaiser

Painting – Visualizing the Absent 2017/ english version

Malerei – Gegenwart des Abwesenden
Manuel Ströhlin

Olivia Kaiser ist Malerin. Was sie beschäftigt - seien es persönliche Erlebnisse oder gesellschaftliche Phänomene -, das bearbeitet sie mit den Mitteln der Malerei. Das Medium der Malerei ist für sie – an den Grenzen seiner Möglichkeiten – Mittel der Reflexion, Erkenntnismedium.
Diese konsequente Wahl der klassischen, vielleicht ältesten - und vielfach totgesagten - Gattung der Malerei mag bei einer Künstlerin verwundern, in deren familiären Herkunftsmilieu Kunst mit Aufklärung konnotiert und, in selbstverständlichem interdisziplinärem Austausch zwischen den bildenden Künsten, Literatur und Lyrik, der bewussten Positionierung in den Konflikten der Gegenwart verpflichtet ist. Künstlerische Entscheidungen fallen für Kaiser niemals innerhalb des Paradigmas der l'art pour l'art. Die Beschränkung auf das Instrumentarium der Malerei und das – um die Möglichkeiten wissende - Desinteresse an medialen Grenzüberschreitungen manifestiert vielmehr den Willen zur Konzentration, die Option für eine von mehreren zur Wahl stehenden Sprachen. Wählen nicht auch Dichter, die verschiedener Sprachen mächtig sind, für ihre Dichtung meist die eine, für deren Ausdrucksvielfalt und Nuancenreichtum sie die stärkste Sensibilität empfinden?

Die Energie, mit der Kaiser die Auseinandersetzung mit der inneren wie äußeren Realität malerisch vorantreibt, ist schon in den Bildern aus früheren Jahren spürbar: Komplex und dicht, die Formen ineinander drängend, in intensiven, tiefen Farben gehalten, sind sie völlig abstrakt komponiert, um dann doch auf den zweiten, dritten Blick eine eigene Raumsituation auszubilden, in die man sich auch selbst eintragen kann. Irgendwann blickt man nicht mehr darauf, sondern hinein. Und dort, nämlich drinnen, ist man dann auch. Der Rhythmus in der Abfolge und Zuordnung unterschiedlich ausgedehnter, unregelmäßiger Farbflächen, ihr Ineinandergreifen, Miteinanderverwachsen und scharfes Gegeneinanderstehen, verbunden manchmal und durchbrochen durch graphische, auch figurative Elemente, scheint hier das entscheidende dynamische, bildgenerative Moment zu sein.

Etwas Überraschendes haben nun ihre neuen Bilder, die all das fortsetzen, aber dabei doch malerisch einen Szenenwechsel vollziehen. Hin und wieder scheint es, als würde man aus dem dichten Wald plötzlich auf eine Lichtung heraustreten. Das Kolorit ist oftmals deutlich aufgehellt – wodurch die Kontraste zu dunkleren Partien umso deutlicher werden. Ein gestischer Duktus bricht die Farbflächen innerlich auf. Gelegentlich lassen lockere graphische Skizzen oder Schraffuren den weißen Hintergrund durchscheinen, wie nun generell große Weißflächen als Mittel der Konzentration auf die so hervorgehobenen Bildformen eingesetzt werden. Die neuen Bilder scheinen tief durchzuatmen. Auch wenn der Atem dann doch wieder stockt, die großen Züge sich an scheinbar zusammenhanglos auftauchenden Details festhaken, die ins sich anbahnende Ganze nicht passen wollen.
Je mehr die Utopie des freien Zusammenspiels in greifbare Nähe rückt, als Versprechen von Schönheit, desto härter die Erkenntnis, dass das Bild an der Einlösung dieses Versprechens scheitern muss. Desto schonungsloser die Evidenz des ungreifbar fern Bleibenden, Nicht- Integrierbaren, das im Bild wie ein Spuk herumgeistert. Die Schönheit wird im Bild nicht gestalthaft realisiert, doch ist sie malerisch vergegenwärtigt gerade als das darin Ausbleibende, Fehlende. Das Fehlen wird sichtbar als/am Hindernis. An den Diskontinuitäten, in denen sich die Kohärenz von Deutung und Bedeutung verliert. Immer wieder tauchen Figurationen auf, die mehr oder weniger deutlich als Repräsentationen menschlicher oder tierischer Körper oder Körperteile lesbar sind, doch der bildliche Kontext insgesamt bleibt unlesbar, nicht repräsentierend und insofern abstrakt. Die formalen Antagonismen der Bildelemente verfugen diese in Verhältnissen, in denen - man denkt an die Olivia Kaiser so teuren Symphonien Gustav Mahlers - die Sehnsucht nach Zusammenklang und die Intensität der Dissonanz sich gegenseitig steigern.

Man kann diese Veränderungen im Malerischen – weg von der innigen Verschränkung, ja gegenseitigen Verschlingung der Bildformen, die den Bildraum konstituiert, hin zu ihrem Auseinandertreten, das Raum lässt – durch das Thema dieser Bildserie motiviert sehen. Das „Ghosting“, die Erfahrung der bedrängenden und bedrückenden, nicht fassbaren und doch nicht abzuschüttelnden Präsenz des Abwesenden, aus dem Gefüge der Gegenwart Verschwundenen. Warum ist es nicht mehr da? Diese Frage hat keine Antwort, nur einen Hall, der in den Ohren dröhnt. Wie ein Gespenst klebt das Verschwundene am Zurückbleibenden und ebenso plötzlich, wie es verschwand, so jäh bricht es immer wieder auf, als Störung, Ungestalt, Blockade, Hemmung des Lebensflusses. Es knallt in unsere Versuche, dem Leben – dem Ganzen - Ziel und Struktur zu geben. Fesselt uns bei jedem Schritt hinaus in die Weite einer Zukunft. Wie mit diesem Ungreifbaren, Unbegreifbaren umgehen?
Ungeachtet der gemeinsamen thematischen Zuordnung und verbindender formaler Eigentümlichkeiten treten die Bilder dem Betrachter als Einzelwerke entgegen. Die Prozessualität der malerischen Entwicklung und die serielle Verortung innerhalb dieser werden nicht exponiert. Die Bilder ähneln unregelmäßig und ohne erkennbare Anordnung im imaginären Raum verteilten Spiegeln. Die Spiegelbilder verweisen weder aufeinander noch auf ein Zentrum, von dem aus die Landschaft sich aus der Distanz überblicken ließe. Sie konfrontieren – jedes für sich – mit einem Zerbrechen, ohne die Bruchstücke zusammenzusetzen. Ohne Erklärungen, ohne eine These für das Ganze, ohne eine gemeinsame Sicht. Zwischen den Fluchtpunkten der fragmentierten Perspektiven wandert der Betrachter umher. Und vielleicht liegt einzig in dieser zersplitterten Subjektivität das, was als ihre Wahrheit in den Bildern aufflackern mag.

Olivia Kaiser thematisiert das Phänomen des „Ghosting“ nicht auf der Ebene des Bildsujets. Die Bilder „handeln“ nicht von ihm, sie stellen nicht die Situation des erlittenen Verlustes dar. Vielmehr reflektiert Kaiser diese komplexe psycho-soziale Erfahrung auf der Ebene und mit den Mitteln des Malerischen selbst. Wie findet die obsessive Gegenwart eines Abwesenden ins Bild? Wie kann ein Fehlen als solches zur Anschauung kommen? Die Transformation eines individuell wie gesellschaftlich relevanten Problems in eine Frage an die Möglichkeiten und Grenzen des Malerischen – dies charakterisiert Olivia Kaiser als Malerin.