Olivia Kaiser

exhibition catalogue 2016/ english version

Where Are You, Why Am I Here? Bodies in Absentia
Christian Egger

Bei den in Ghosting im Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien in Graz und darauf folgend in der Galerie im Traklhaus in Salzburg ausgestellten malerischen Arbeiten der Künstlerin Olivia Kaiser (geboren 1983 in Wien, lebt in Wien) handelt es sich um Resultate tiefgehender Auseinandersetzungen mit über den Leinwandrand hinausragenden Fragestellungen medienspezifischer Probleme der Malerei.

So nimmt bereits der Titel Bezug auf das aktuelle soziopsychologische Phänomen des „Ghosting“. Dabei handelt es sich um einen unangekündigten und totalen Rückzug einer Vertrauensperson aus dem Nichts, bar jeder verbleibender Möglichkeit rationalen Nachvollzugs oder der Kontaktaufnahme mit dem vormals emotional engen Gegenüber. Die elektronischen Räume der Kommunikation bleiben ab dem Zeitpunkt leer, Email-Eingang, Nachrichten-Inbox und Messenger-Verlauf verweisen ausschließlich auf die eigene, letzte unbeantwortete Nachricht. An den anderen gerichtet, leuchtet sie als Totem auf und verwandelt sich mit jedem zusätzlich verstreichenden Tag zu einer massiv kränkenden Hinterfragung der eben noch geteilten Intimität der Kommunikation. Setzt sich Vertrauen und Freundschaft aus miteinander langfristig verbundenen Schichten und Bewegungen des Bekannten, Unbekannten, Trennendem und Vereinendem, Bewahrendem und Momenten des Dabei-auch-über-sich-Hinausgehens zusammen, geht Kaiser der Frage nach, wie Bilder aussehen könnten, die die irrationale und abrupte Aufgabe dieser thematisieren.
Eine weitere inhaltliche Beschäftigung der Künstlerin in der Konzeption galt der in der jüdischen Mythologie verbreiteten Figur des Dibbuk. Dabei handelt es sich um einen Totengeist, der in Körper Lebender eintreten und dort für emotionales Durcheinander sowie irrationales Verhalten sorgen soll. Die Erscheinungen, die mit dem Glauben an die Dibbukim gemeinhin assoziiert werden, bewerten die moderne Medizin und Psychologie in ihrem Zusammenhang mit Fällen der Hysterie oder Ausbrüchen von Schizophrenie. Da hauptsächlich Frauen Opfer der Heimsuchung durch einen Dibbuk werden, sehen aktuelle Forschungsansätze der Genderforschung den Dibbukglauben in Verbindung mit weiblicher Religiosität.
Ein aus der Philosophie stammender und auf den Franzosen Jacques Derrida zurückgehender und zur Mitte der 00er-Jahre reüssierender Begriff der Hauntology bietet sich für Erklärungsversuche der aktuellen Bilderserie der Künstlerin ebenfalls an. In seinem Buch Marx’ Gespenster argumentiert jener, dass Karl Marx und seine Lehren westliche Gesellschaften von dessen Grab aus weiterverfolgen und kommt zu dem Schluss, dass wir, die das Erbe des Marxismus übernehmen müssen, von diesem nur das Lebendigste übernehmen und dieses Erbe sodann nur erfolgreich reaffimieren können, indem wir es so radikal wie möglich verändern, denn: „Das Erbe ist niemals ein Gegebenes, es ist immer eine Aufgabe.“
Was diese drei Themenfelder nun eint, ist, dass sich jedes einzelne davon malerischen Überlegungen, Praxen und Zugängen der Abstraktion, generell aktuellen Malereidebatten höchst affin zeigt.

Die Künstlerin geht in ihrer malerischen Praxis von zeichnerisch grob skizzierten Bleistiftzeichnungen aus und überträgt formale Aspekte, Techniken, Perspektiven und Manöver dieser in Öl auf Leinwand. In erster Linie geht es Kaiser dabei um die fordernde, angewandte Analyse einstiger Avantgarde-Gedanken, welche die Entwicklung der Malerei der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts begleiteten und nicht um die Aufführung singulärer Retroeffekte. In drastischem Kontrast zu Künstler_innen, die unter dem entlarvenden Begriff „Zombie-Formalismus“ – eine Wortschöpfung des Künstler-Kritikers Walter Robinson – firmieren und erstaunliche Marktwertsteigerungen in kürzesten Zeitspannen mit Bildern erringen, die verblüffend wie andere Bilder aussehen, gilt es bei Kaiser auch im physischen Sinne, malerische Gesten als durchdeklinierte Formen neu zu performen. Etwa, wenn sie mit Anleihen eines offenen Malstils des abstrakten Expressionismus im Stile Joan Mitchells, Arshile Gorkys oder innerhalb der Reduktion einer Amy Sillman arbeitet. Die Künstlerin kehrt dabei immer zu einer Auseinandersetzung mit einem malerischen Gedächtnis und einer Befragung der malerischen Abstraktion hinsichtlich ihrer Möglichkeit, Übersetzungsleistungen in der Gegenwart vollbringen zu können, zurück. Es geht ihr hierbei weder um Spiritualität als soziale Idee, noch um Abstraktion als historische Kategorie, sondern ihr Ansatz entspringt einem aufrichtigen Glauben an die metaphysischen Eigenschaften der Arbeit, der Materialien, der Verarbeitung und der Praxis eines weltlichen Verständnisses von künstlerischen Handlungspotenzialen ungegenständlicher Bildgestaltung. Das alles basiert auch auf dem Wissen, dass malerische Produktion seit den Diskursen der 1990er-Jahre durch kontextbezogene Umfelder bestimmt ist und ihre Inhalte wie Motive gerne aus kunstexternen Bereichen wie Identitätspolitik, Postkolonialismus, Kapitalismusreflexion (oder eben auch Ghosting, Dibbuk und Hauntology) bezieht. Zudem sind seit David Joselits theoretischem Anstoß „Painting beside itself“ nicht nur Fragen danach vorrangig, wie die Malerei auf die Herausforderungen einer zusehends mediatisierten Gesellschaft, die von technologischer Vervielfältigung und einer globalisierten Struktur geprägt ist, reagiert und welcher Medien, Strukturen und Oberflächen sie sich dabei bedient,
sondern auch ihre Vernetzung und ihre Einbettung in den sie hervorbringenden Rahmenbedingungen stehen im Brennpunkt. Der besondere Reiz der Arbeiten Kaisers besteht nun darin, dass sie diese Parameter und Konditionen der Vernetztheit selbst wieder als brüchig und illusionistisch aufzeigt. Trotz ihrer abstrakten Form schimmern die in ihren Bildern behandelten tiefgreifenden psychosozialen Konflikte durch und bleiben lesbar. Die nicht erst seit dem Aufkommen digitaler Social-Media-Gadgets wirkenden Paradoxien der menschlichen Existenz sind durchgängiges Thema in ihrer Motivwahl: Auch von Lebenden als auch Toten besiedelte Zwischenwelten oder die Bedeutung des Überbegriffs Freundschaft und ihr seit jeher innewohnendes antagonistisches Potenzial, das auch zu Gewalt und in den On-Off-Modi digitaler Kommunikation zu emotional hart zu verarbeitenden Momenten des Sich-Zurückgelassen-Fühlens führen kann, sind in ihrer Arbeit zu erkennen. In diesen aktuellen Projekten großformatiger Bildserien auf Leinwand sind die auftauchenden und verschwindenden Figuren in aktivem, künstlerisch wechselwirkendem Kurzschluss mit den die Malerei auszeichnenden Vorgängen des Suchens, Findens und Wieder-Verlierens, die die Malerin Amy Sillman jüngst interessanterweise mit dem Begriff der Peinlichkeit in Zusammenhang brachte:
Anders gesagt, es geht um den Versuch, etwas herauszufinden, noch während man es tut. Ich weiß nicht, ob es Abstraktion ist, aber ich weiß, dass es peinlich ist. Eine Form zu finden heißt, aus diesen Gefühlen (in diesem Fall der Unzufriedenheit, der Verlegenheit und dem Zweifel) zu einer Substanz zu gelangen. Und das ist eine sehr fragile Angelegenheit.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Kaiser, wenn sie schreibt:
„Ich glaube, in dem Prozess des künstlerischen Arbeitens, alleine vor einem Werk, ersteigen einem so manche Erinnerungen und Situationen. Dabei ist Bedeutendes und Fadenscheiniges oft so ineinandergefädelt, oder eben auch verstrickt, was im produktivsten Fall auf einen Widerspruch hinausläuft. Auf jeden Fall ist es eine vor sich hinbrütende, hindeutende Dauerschleife an Interpretationen, an Deutungen, die nur so in sich selbst hineingesprochen werden. (Allerdings mit doppeltem Hall, welcher auch zu Arbeitsirritationen führt, zu heftigen Infragestellungen).“

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Hauntology wurde zum geflügelten Begriff in so unterschiedlichen Feldern wie der Bildenden Kunst, Philosophie, Elektronischen Musik, Politik oder Literatur. Es wurde auch häufig zur Erklärung von Phänomenen wie gefakter Vintage-Fotografie, verlassenen Orten und TV-Serien wie „Life on Mars“ herangezogen. Vgl. hierzu: Mark Fisher, Ghosts of My Life: Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures, Winchester: Zero Books, 2014; bzw. das interdisziplinäre Ausstellungsprojekt von Thomas Edlinger und Christian Höller: HAUNTINGS – GHOST BOX MEDIA: Heimliche und unheimliche Präsenz in Medien, Kunst und Pop, Ausstellung Kunstverein Medienturm, Graz, 25.09.–17.12.2011.
Jacques Derrida, Marx’ Gespenster: Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005, S. 85.
David Joselit, „Painting Beside Itself“, in October, Nr. 130, 2009, S. 125–134.
Amy Sillman, „Shit Happens: Abstraktion und Peinlichkeit“, in: Frieze d/e, Nr. 22, Dezember 2015–Februar 2016, S. 79.
Olivier Kaiser in einer Email an den Autor, 28.11.15.