Olivia Kaiser

exhibition catalogue 2016/ english version

There, Not There
Arie Amaya-Akkermans

„Über das Vergehen des Vergangenen trösten wir uns leicht hinweg, nicht jedoch darüber, dass auch die Zukunft vergeht.“
Amin Maalouf, The Disoriented, 2012

Die Zeit der Menschen ist von unsichtbaren Linien durchzogen, oft nicht lesbaren Spuren, die in der Betrachtung jedoch logisch erscheinen. Bricht diese Essenz des Zeitgefühls zusammen, erleben wir keinen Bruch, sondern einen plötzlichen Richtungswechsel. Das liegt daran, dass manche Grenzen sich vor uns schließen und die Linien in abstrakte Punktwolken zerstäuben. Gemalte Bilder hingegen haben sich dieser Erosion der Zeit immer widersetzt, die oft zu Zerfall und Anomie führt und unseren Blick auf einen Horizont richtet, der nicht nur endlich und endlos zugleich ist, sondern formal aus einer Abfolge von Momenten besteht, die ihrem Sein gemäß nicht darstellbar sind. Die Geschichte der Malerei besteht ebenso aus diesem Schwanken zwischen ihrer Seinsmöglichkeit konkreter weltlicher Erlebnisse einerseits und der Unbeschreiblichkeit dieses Erlebens andererseits. Künstler_innen oszillieren zwischen der Geschichte der Objekte und ihrer phänomenalen Natur.

Was aber passiert, wenn das Recherchematerial eines Künstlers oder einer Künstlerin eine Referenz ohne Referenten ist? Das Unsichtbare ist es nicht, denn morphologisch gesprochen, beinhaltet das Unsichtbare die Möglichkeit des Sichtbaren, das nur temporär außer Sicht gesetzt wurde. Das Verschwinden wiederum bedeutet einen absoluten Bruch in der Zeit-Bild-Sequenz, den man nicht heilen, sondern nur zeigen kann. Methoden, um letzteres zu bewerkstelligen, gab es in der Neuzeit – von der Farbfeldmalerei bis zu leeren Leinwänden – viele. Aber sogar in diesem Fall geht die Frage nach der Sichtbarkeit der Natur der Präsenz und Gegenwärtigkeit der Bilder voraus. Olivia Kaisers Ausstellung Ghosting handelt von der soziopsychologischen Konstruiertheit unserer Epoche, die man nur im Licht der komplexen Netzwerke und Verbindungen erkennt, die als Handel und Warenproduktion alle menschlichen Beziehungen bestimmen. Abwesenheit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht bloß das Fehlen von Anwesenheit. Sie bedeutet einen Bruch in der Hierarchie.

Seit wir die Natur hinter uns gelassen haben – immerhin ist unser heutiges Habitat als Schnittmenge von privatem und staatlichem Eigentum schon lange nicht mehr natürlich –, besteht unsere Wirklichkeit aus zwei Aspekten. Auf der einen Seite ist da ein fein abgestimmtes Netz aus Vereinbarungen über die Bedeutung der Objekte und die gesamte Totalität der Phänomene, die jeweils durch menschliche Beziehungen vermittelt sind. Wenn eine Person spurlos verschwindet und damit die objektive Welt utilitaristischer Ziele und Vereinbarungen verlässt, die unsere kapitalistische Wirklichkeit ausmachen, passiert der genannte Bruch in der Hierarchie dadurch, dass neue Zeitlücken entstehen, in denen es keine Korrelation zwischen dem Gegenstand und dem Wissen über diesen Gegenstand mehr gibt. Geschehe das Verschwinden isoliert und betreffe nur die phänomenale Beziehung zur Welt, wäre es kaum der Erwähnung wert, würde es nicht auch einen Bruch der engen sozialen Beziehungen bedeuten. Nicht mehr in der Welt zu existieren, verändert also auch die Weise, in der die anderen in ihr existieren.

Man bricht damit ein fundamentales Versprechen – das Versprechen, zu existieren und kenntlich zu sein (was beinahe dasselbe bedeutet). Dieses Versprechen zu brechen führt letztlich dazu, das Vertrauen der anderen in die Zeit zu erschüttern. Wird die Welt so, wie sie ist, weiterbestehen? Wird es Sprache, wird es Wahrheit geben? Wenn das Gegenüber verschwindet, geht die Sprache ins Leere und die Rede wird nichtig, weil der Zugang zu dem übergeordneten Wahrheits- und Bedeutungssystem, in dem sich unseren Beziehungen vollziehen, verbaut ist. Das Feld, in dem wir unsere Urteile begründen, gibt es nicht mehr. Was würde das heute bedeuten? Mit der Verarmung unseres Privatlebens durch den Kapitalismus sind es ja einzig noch diese halbprivaten Räume, in denen wir mit anderen existieren – in denen die Welt verständlich und deutbar bleibt. Existiert der andere nicht mehr, fallen wir also aus dieser symbolischen Ordnung, leben nur noch am Rand der Zeichen, kommunizieren mit der Welt nur noch durch politische Aktion – und Kontoüberweisungen.

Mit ihren Bildern artikuliert Olivia Kaiser die Räumlichkeit der Sprache und skizziert morphologische Beziehungen zwischen menschlicher Zeit, Sprache und Bildern, wie wenig Syntax letztere auch enthalten mögen. Das immerwährende Festhaltenwollen der Zeit ist hier allgegenwärtig. Die Bilder verschlingen die Ruinen der Erinnerung und verwandeln sie in Schatten. Blanke Splitter der Nicht-Erinnerung saugen sich mit halb narrativen, halb sprachlichen Inhalten voll. Kaiser schreibt an einem umgekehrten Palimpsest, einem ohne Schichten, gewichtslos. Die schiere Möglichkeit, dass der andere in den endlosen Strukturen der Gesellschaftsverhältnisse verschwindet, ist beunruhigend. Sie bedeutet, dass zwischenmenschliche Beziehungen bewusst zu bloßen Linien ohne jeglichen Inhalt und ohne jegliche Dauer abstrahiert werden können. Bei einem „Ghosting“ verlässt der „Ghoster“ aber nicht die Welt. Nein, er taucht unter anderen Bedingungen woanders wieder auf und ändert so den Lauf einer Geschichte, die er zuvor selbst festgelegt hat.

Eine qualitative Änderung findet statt. Für den oder die Verlassene/n selbst verändert das Verschwinden der Vergangenheit nicht unbedingt sein Bewusstsein der Gegenwart. Die Grammatik der aktuellen Zukunft aber wird zu einem fernen Echo, das in allen Richtungen nach Welleninterferenzen sucht. Sie versucht, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, der jedoch – paradoxerweise – nur in Wellenform existiert. Es sind die Wellen des Erinnerns, ein Nachhall der Sprache, der Richtung gibt. Auf Kaisers Bildern erscheinen die Bildelemente nebeneinander, jedoch ohne sich dabei zu verbinden oder aufeinanderzuprallen. Ihr autonomes Dasein im Hier und Jetzt verweist auf eine leere Zeit, die weder jemals endet, noch je begann, und nur als Erinnerungsbruchstücke besteht. Der Blick bleibt niemals stehen, wird niemals fixiert. Und dadurch, dass die Zeit stehen bleibt – ja, die generische Zeit, die Weltzeit, nicht unser Zeiterleben im Alltag – verdichten sich diese abgeschotteten Bildelemente und werden zu Inseln, zu Archipelen der Bedeutung, die verschiedene Sprachen sprechen und durch aufgewühlte, unschiffbare Wasser getrennt sind.

Die geisterhafte Anmutung dieser unheilvollen Elemente, die nicht mehr da, aber auch noch nicht ganz verschwunden sind, ergibt ein Spiegelkabinett, in dem ein wiederkehrendes Sujet wunderlich immer wieder gespiegelt wird und verschwindet. Es scheint sich zu materialisieren, hat aber nicht genug Kraft, um voll in Erscheinung zu treten. Der Schwebezustand dauert fort und stößt das Bild vor sich her in die grausame Essenz der Zeit. Zurück bleibt der Betrachtende, der Gnade kleiner Momente ausgeliefert, die er sich nur herbeifantasieren kann. Kurz, Kaisers Bilder bieten kaum Anhaltspunkte. Die einzigen Hinweise finden sich in der Poesie von William Carlos Williams, auf den die Bildtitel zurückgehen. Sie sprechen von einer anderen Welt, die hier und jetzt existiert, aber weder zugänglich noch lokalisierbar ist. Die großformatigen Bilder in der Ausstellung entgeistern sich also gegenseitig, stellen die Einzigartigkeit der anderen Bilder infrage. Sie fragen, ob sie überhaupt andere sind. Wir sprechen von dort aus, vom anderen Ende. Aber am Ende gibt es vielleicht gar kein Anderes, sondern bloß bedingungslose Gegenwärtigkeit.